7. August 2026 · Harald Gundelwein

LOD, LOG, LOI oder LOIN — was heute wirklich gilt

Die Norm hinter der Informationsbedarfstiefe hat gewechselt, LOIN ist kein offizielles Akronym und Stufen wie LOD 300 sind normativ nicht vorgesehen. Was das für die Praxis bedeutet — und wo LOD trotzdem brauchbar bleibt.

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In Ausschreibungen steht regelmässig ein Satz wie „Die Modelle sind in LOD 300 zu liefern." Der Satz wirkt präzise. Er ist es nicht — und die Norm, auf die er sich implizit beruft, gibt es in dieser Form nicht mehr.

Das ist kein akademisches Detail. Wer heute Informationsanforderungen schreibt und dabei mit LOD-Stufen arbeitet, beruft sich auf ein Konzept, das die geltende Norm ausdrücklich nicht kennt. Und wer stattdessen „LOIN" schreibt, verwendet ein Akronym, das die Norm selbst vermeidet.

Dieser Beitrag sortiert die Begriffe, benennt den aktuellen Normstand und zeigt, was in der Praxis davon bleibt. Denn eine Wahrheit kommt am Schluss dazu: Die Branche arbeitet mit LOD-Stufen, und es gibt einen normkonformen Weg, das weiterhin zu tun.

Die vier Abkürzungen, kurz sortiert

Bevor es um den Normstand geht, die Begriffe selbst. Sie stammen aus unterschiedlichen Quellen und meinen unterschiedliche Dinge.

LOD — Level of Development (teils auch Level of Detail). Ein aus dem angelsächsischen Raum stammendes Konzept, das den Entwicklungsstand eines Bauteils über Stufen beschreibt, typischerweise 100 bis 500.

LOG — Level of Geometry. Beschreibt den geometrischen Detaillierungsgrad. In manchen Rahmenwerken eine Teilkomponente von LOD.

LOI — Level of Information. Beschreibt den Umfang der alphanumerischen Informationen. Ebenfalls oft als Teilkomponente von LOD geführt.

LOIN — Level of Information Need. Der Begriff aus der aktuellen Normung. Beschreibt, welche Information für einen bestimmten Zweck tatsächlich benötigt wird.

Die ersten drei sind Branchenkonvention. Der vierte ist Norminhalt. Dieser Unterschied ist wichtiger, als er zunächst aussieht.

Was viele Quellen noch nicht mitbekommen haben: die Norm hat gewechselt

Die Informationsbedarfstiefe war in DIN EN 17412-1:2021-06 beschrieben. Diese Fassung ist zurückgezogen. Ersetzt wurde sie durch DIN EN ISO 7817-1:2024-11 — „Bauwerksinformationsmodellierung — Informationsbedarfstiefe — Teil 1". In der Schweiz gilt sie als SN EN ISO 7817-1:2024.

Wer im deutschsprachigen Raum zum Thema recherchiert, findet das kaum. Ein grosser Teil der einschlägigen Seiten nennt weiterhin die zurückgezogene Fassung oder gar keine Norm. Selbst Institutionen, die zur neuen Norm Veranstaltungen anbieten, führen auf ihren Wissensseiten noch den alten Stand.

Das ist niemandem vorzuwerfen — Normwechsel brauchen Zeit, bis sie durch die Sekundärliteratur gewandert sind. Für die Praxis heisst es aber: Wer sich auf eine gefundene Quelle beruft, sollte deren Normstand prüfen.

LOIN ist kein offizielles Akronym

Der Begriff heisst in der Norm ausgeschrieben Level of Information Need, auf Deutsch Informationsbedarfstiefe. Ein normativ festgelegtes Akronym dazu gibt es nicht.

Die Erläuterung des SIA zur SN EN ISO 7817-1 (April 2025) formuliert es in Ziffer 2.2 deutlich:

„Nein! Unter Verweis auf die entsprechende Definition ist es dem Verfasser bzw. der Verfasserin von Dokumenten … freigestellt, in seinem Rahmen ein solches Akronym zu definieren."

Die Norm selbst rät in ihrer Einleitung sinngemäss davon ab, ein Akronym zu verwenden — weil eine Abkürzung die dahinterstehenden Konzepte zu stark vereinfacht.

Praktisch heisst das: „LOIN" darf man verwenden, wenn man es im eigenen Dokument einführt und definiert. Man darf sich dabei nur nicht darauf berufen, dass die Norm diesen Begriff so vorgibt. Sie tut es nicht.

Hinweis zur Quelle: Die SIA-Erläuterung kennzeichnet sich selbst als erläuternd, nicht normativ — sie enthält keine normativen Festlegungen und ist nicht Bestandteil des SIA-Normenwerks. Für Zitate zur Auslegung ist sie dennoch die belastbarste deutschsprachige Quelle.

Der Kern: Push gegen Pull

Hier liegt der eigentliche Unterschied, und er ist grösser als eine Begriffsfrage. LOD und Level of Information Need sind nicht zwei Namen für dieselbe Sache. Sie beschreiben gegenläufige Logiken.

Der SIA schreibt in Ziffer 2.3 auf die Frage, ob die Konzepte dasselbe meinen:

„Nein. Die beiden Konzepte widersprechen sich grundsätzlich."

LOD beschreibt demnach „einen Push-Prozess" — die Informationen „sind nicht an Verwendungszwecke gebunden". Level of Information Need beschreibt dagegen „bedarfsabhängige Informationslieferungen und damit grundsätzlich einen Pull-Prozess".

LOD folgt einer Push-Logik, Level of Information Need einer Pull-Logik

Übersetzt in den Projektalltag:

Push. Ein Bauteil erreicht in einer Projektphase eine bestimmte Entwicklungsstufe. Was auf dieser Stufe dazugehört, ist vordefiniert. Geliefert wird, was die Stufe vorsieht — unabhängig davon, ob es jemand braucht.

Pull. Ein Verwendungszweck fordert bestimmte Informationen. Geliefert wird, was dieser Zweck verlangt — nicht mehr, nicht weniger. Wer die Information wofür braucht, steht am Anfang, nicht am Ende.

Wer schon einmal Modelle bekommen hat, die formal einer Stufe entsprachen und trotzdem für die geplante Auswertung unbrauchbar waren, kennt den Unterschied aus eigener Erfahrung. Das ist Push in Reinform: Die Lieferung war korrekt und trotzdem am Zweck vorbei.

Es gibt keine Stufen 100, 200, 300

Ein hartnäckiges Missverständnis: dass die neue Norm die LOD-Stufen unter anderem Namen fortführt. Das tut sie nicht.

Der SIA in Ziffer 2.4:

„Nein! … In SN EN ISO 7817-1:2024 gibt es keine vordefinierten Entwicklungsstufen mit fixen Bezeichnungen."

Und in Ziffer 2.5 die Konsequenz:

„Falls Verwendung von Level of Information Need vereinbart wird, sollte auf die gleichzeitige Verwendung von LOD verzichtet werden."

Wer also in derselben Ausschreibung „Informationsbedarfstiefe nach SN EN ISO 7817-1" und „LOD 300" schreibt, verlangt zwei Dinge, die sich in ihrer Logik widersprechen. Das führt spätestens bei der Abnahme zu Diskussionen — und zwar zu solchen, die niemand gewinnt.

Was das Rahmenwerk stattdessen enthält: drei Säulen

Statt Stufen beschreibt die Norm, aus welchen Bestandteilen eine Informationslieferung besteht. Es sind drei.

Geometrische Informationen. Und zwar nicht als eine Grösse, sondern als fünf unabhängig voneinander spezifizierbare Parameter: Detaillierungsgrad, Dimension, Positionierung, visuelle Erscheinung und Parametrik. Ein Bauteil kann präzise positioniert und geometrisch grob sein — oder umgekehrt. Genau diese Trennung leistet eine Stufenskala nicht.

Alphanumerische Informationen. Sie gliedern sich in Identifikation (welches Objekt ist das) und Informationsinhalt (welche Eigenschaften trägt es).

Dokumentation. Die Säule, die in der Praxis am häufigsten übersehen wird. Gemeint sind begleitende Dokumente, die zur Lieferung gehören — der SIA nennt als Beispiele ausdrücklich signierte Dokumente wie Prüfbescheinigungen, Versicherungspolicen oder Lieferscheine sowie die Dokumentation eines ausgeführten Werks.

Diese dritte Säule ist der Grund, warum eine reine Property-Prüfung nie das ganze Bild abdeckt. Wer belegte Angaben braucht — also solche, deren Herkunft aus einem Projektdokument nachweisbar ist — bewegt sich in dieser Säule. Wir beschreiben diesen Teil unter belegte Anreicherung.

Der Freibrief für die Praxis

Bis hierher klingt es, als müsste die halbe Branche ihre Vorlagen wegwerfen. Muss sie nicht.

Der SIA hält in Ziffer 4.1 fest:

„In der Praxis ist es aber möglich, sich für die geometrische Detaillierung an diesen LOD Stufen zu orientieren, ohne damit das gesamte Konzept von LOD zu übernehmen."

Das ist der praktisch wichtigste Satz des ganzen Themas. Die LOD-Stufen sind als Verständigungshilfe für geometrische Detaillierung brauchbar. Was man nicht mitübernehmen sollte, ist die Push-Logik dahinter — also die Vorstellung, dass eine Stufennummer definiert, was insgesamt geliefert wird.

Praktisch heisst das für eine Anforderung:

Statt „Alle Bauteile in LOD 300" lieber: „Der Verwendungszweck ist die Mengenermittlung für die Submission. Dafür werden folgende Informationen benötigt: [Liste]. Für die geometrische Detaillierung dient die aus LOD 300 bekannte Ausprägung als Orientierung."

Länger, ja. Aber prüfbar — und beim Abnahmegespräch auf der sicheren Seite.

Und was hat IDS damit zu tun?

Naheliegende Frage, weil beide Themen von maschinenlesbaren Anforderungen handeln. Die Antwort verlangt eine Präzisierung, die häufig unterschlagen wird.

IDS ist der buildingSMART-Standard, um Informationsanforderungen maschinenlesbar und prüfbar zu machen. buildingSMART selbst formuliert es so: „An Information Delivery Specification (IDS) … This is the standard to use to define your Level of Information Needs."

Was IDS dabei nicht ist: die vollständige maschinenlesbare Umsetzung des Rahmenwerks zur Informationsbedarfstiefe. Eine peer-reviewte Untersuchung (Akbas et al. 2025, ITcon Vol. 30) stellt fest: „IDS only covers alphanumerical information, while LOINXML addresses more aspects (geometrical information, alphanumerical information and documentation)." buildingSMART bestätigt die Abgrenzung: „IDS does not have the capability to define the details of geometry."

Bezogen auf die drei Säulen heisst das: IDS deckt die alphanumerische Säule ab. Die geometrische Säule und die Dokumentations-Säule liegen ausserhalb. Die normative maschinenlesbare Form für das gesamte Rahmenwerk ist als ISO 7817-3 (LOINxml) in Entwicklung; Teil 2 befindet sich im FDIS-Stadium.

Das ist keine Schwäche von IDS, sondern eine bewusste Abgrenzung. Wer wissen will, was IDS konkret leistet und wie eine Regel aussieht, findet das auf unserer IDS-Seite.

Typische Fehler

  1. Sich auf eine Quelle berufen, ohne ihren Normstand zu prüfen. Ein grosser Teil der deutschsprachigen Fundstellen führt noch die zurückgezogene Fassung.
  2. LOD und Informationsbedarfstiefe im selben Dokument fordern. Die Konzepte widersprechen sich in ihrer Logik. Der SIA rät ausdrücklich davon ab.
  3. Stufen erfinden, die es nicht gibt. „LoI 300" oder „LOIN 400" sehen normkonform aus. In der Norm existieren solche Stufen nicht.
  4. „LOIN" verwenden, als wäre es Norminhalt. Das Akronym darf man definieren — man darf es nur nicht als Vorgabe der Norm ausgeben.
  5. Geometrie und Information als eine Grösse behandeln. Die Norm trennt allein bei der Geometrie fünf Parameter. Eine einzige Stufennummer kann das nicht abbilden.
  6. Die Dokumentations-Säule vergessen. Prüfbescheinigungen und Nachweise gehören zur Lieferung. Wer sie nicht anfordert, bekommt sie nicht.

Checkliste für die nächste Anforderung

  • Ist der Verwendungszweck benannt, bevor die Informationstiefe festgelegt wird?
  • Ist der Normbezug aktuell — SN EN ISO 7817-1:2024 statt der zurückgezogenen Vorgängerfassung?
  • Werden LOD-Stufen und Informationsbedarfstiefe nicht gleichzeitig als Anforderung geführt?
  • Falls LOD-Stufen als Orientierung dienen: steht dabei, dass sie nur die geometrische Detaillierung betreffen?
  • Sind geometrische und alphanumerische Anforderungen getrennt formuliert?
  • Ist geregelt, welche Dokumente zur Lieferung gehören?

Sind drei oder mehr Punkte mit „Nein" beantwortet, ist die Anforderung noch nicht prüfbar — unabhängig davon, wie ausführlich sie formuliert ist.

Das Wichtigste in drei Sätzen

Die geltende Norm ist SN EN ISO 7817-1:2024 beziehungsweise DIN EN ISO 7817-1:2024-11; die zuvor verbreitete EN 17412-1 ist zurückgezogen.

LOD folgt einer Push-Logik und liefert nach Stufe, Level of Information Need folgt einer Pull-Logik und liefert nach Zweck — deshalb sollte man beide nicht gleichzeitig fordern.

LOD-Stufen bleiben als Orientierung für geometrische Detaillierung brauchbar, solange man das Gesamtkonzept dahinter nicht mitübernimmt.

Quellen

  • SIA — Erläuterung zur SN EN ISO 7817-1, April 2025. Erläuternd, nicht normativ; nicht Bestandteil des SIA-Normenwerks.
  • DIN EN ISO 7817-1:2024-11 — Bauwerksinformationsmodellierung, Informationsbedarfstiefe, Teil 1. Ersetzt die zurückgezogene DIN EN 17412-1:2021-06.
  • buildingSMART — Information Delivery Specification (IDS): buildingsmart.org/standards/bsi-standards/information-delivery-specification-ids
  • Akbas et al. (2025) — vergleichende Untersuchung zu IDS und LOINXML, ITcon Vol. 30.
  • buildingSMART International — openBIM: buildingsmart.org/openbim

Häufige Fragen

Gilt DIN EN 17412-1 noch?
Nein. Die Fassung 2021-06 ist zurückgezogen und wurde durch DIN EN ISO 7817-1:2024-11 ersetzt. In der Schweiz gilt SN EN ISO 7817-1:2024.
Ist LOIN ein offizielles Akronym?
Nein. Die Norm legt kein Akronym fest und rät sinngemäss davon ab, weil eine Abkürzung die Konzepte zu stark vereinfacht. Wer „LOIN" verwendet, sollte den Begriff im eigenen Dokument definieren.
Gibt es LOIN-Stufen wie 100, 200, 300?
Nein. In SN EN ISO 7817-1:2024 gibt es keine vordefinierten Entwicklungsstufen mit festen Bezeichnungen.
Darf man LOD weiterhin verwenden?
Für die geometrische Detaillierung ja, als Orientierung. Der SIA hält ausdrücklich fest, dass das möglich ist, ohne das gesamte LOD-Konzept zu übernehmen. Gleichzeitig sollte man LOD nicht neben der Informationsbedarfstiefe als eigene Anforderung führen.
Ist IDS die maschinenlesbare Umsetzung von LOIN?
Nicht vollständig. IDS ist der buildingSMART-Standard, um Informationsanforderungen maschinenlesbar und prüfbar zu machen, und deckt die alphanumerische Säule ab. Geometrie und Dokumentation liegen ausserhalb; die normative Form dafür (ISO 7817-3 / LOINxml) ist in Entwicklung.
Woraus besteht die Informationsbedarfstiefe?
Aus drei Säulen: geometrische Informationen mit fünf unabhängig spezifizierbaren Parametern, alphanumerische Informationen mit Identifikation und Informationsinhalt, sowie Dokumentation.