Closed BIM und openBIM
Closed BIM und openBIM sind zwei Strategien für den Modellaustausch, nicht gut und böse. Diese Lektion zeigt die Stärken beider Wege, warum die meisten Projekte in Wahrheit gemischt arbeiten und woran man die passende Wahl festmacht.
Lernziel
Nach dieser Lektion kannst du beschreiben, was Closed BIM und openBIM als Austauschstrategien jeweils leisten, wo ihre Stärken liegen und warum reale Projekte fast immer eine Mischform fahren. Du kannst an konkreten Kriterien begründen, welche Strategie für ein bestimmtes Vorhaben passt.
Praxisproblem
Zwei Sätze, die in Projektstart-Sitzungen fallen und beide zu kurz greifen.
Der erste: „Wir machen Closed BIM, das ist einfacher." Stimmt oft für die ersten Monate. Was passiert, wenn ein Fachplaner wechselt oder der Betreiber Daten übernimmt, steht dabei nicht zur Debatte.
Der zweite: „openBIM ist Standard, alles andere ist von gestern." Klingt fortschrittlich. Übersieht, dass Exporte Aufwand kosten und dass es Projekte gibt, in denen dieser Aufwand keinen Gegenwert hat.
Beide Sätze behandeln eine Projektentscheidung wie eine Glaubensfrage. Sie ist keine. Es sind zwei Strategien mit unterschiedlichen Stärken, und die Wahl hängt an nachprüfbaren Faktoren — Projektdauer, Beteiligtenkreis, Betriebshorizont, vertragliche Lage.
Diese Lektion sortiert die Faktoren.
1. Was Closed BIM leistet
Closed BIM heisst: Alle Beteiligten arbeiten in derselben Softwarefamilie und tauschen in deren nativem Format aus.
Der Gewinn ist real und wird oft unterschätzt. Native Formate transportieren mehr als offene. Parametrik bleibt erhalten, Bauteilbeziehungen bleiben intakt, herstellerspezifische Konstrukte gehen nicht verloren. Wer im selben Ökosystem bleibt, arbeitet ohne Übersetzungsverluste — und Übersetzungsverluste sind der Hauptärger im offenen Austausch.
Dazu kommt Geschwindigkeit. Kein Exportschritt, keine Prüfung des Exports, keine Diskussion darüber, wessen Werkzeug welchen Teil des Standards wie umsetzt. Für ein Team, das eingespielt ist und in einem überschaubaren Zeitraum liefert, ist das ein echter Vorteil.
Closed BIM ist deshalb keine Notlösung für Unwillige. Es ist eine Strategie mit klaren Stärken — solange die Voraussetzungen stimmen.
2. Wo Closed BIM an Grenzen stösst
Die Grenzen liegen nicht in der Technik, sondern in der Zeit und im Beteiligtenkreis.
Wechsel im Team. Wer neu dazukommt, muss ins Ökosystem passen. Fachplaner mit etablierter eigener Software müssen entweder umsteigen oder werden nicht berücksichtigt. Beides ist teuer, je nachdem auf welcher Seite man steht.
Vergabe. Wer nur ein Autorenformat akzeptiert, schränkt den Kreis möglicher Anbieter ein. Bei öffentlichen Auftraggebern ist das nicht nur unpraktisch, sondern kann vergaberechtlich heikel werden.
Betrieb. Facility-Management-Systeme sind selten die Planungswerkzeuge. Ohne offenes Übergabeformat wird die Bauwerksübergabe zum Datenmigrationsprojekt.
Zeit. Software hat Versionszyklen von Jahren, Bauwerke Lebenszyklen von Jahrzehnten. Ein natives Modell von heute ist in zwanzig Jahren möglicherweise nicht mehr ohne Weiteres lesbar.
Die ersten drei Punkte sind lösbar, wenn man sie früh bedenkt. Der vierte ist es nicht — er wirkt erst, wenn niemand aus dem ursprünglichen Team mehr im Projekt ist.
3. Was openBIM anders macht
openBIM setzt an denselben Stellen an, an denen Closed BIM schwächelt: an den Übergängen zwischen Firmen, Disziplinen und Zeiträumen. Der Austausch läuft über offene, herstellerneutrale Formate, die dokumentiert und frei verfügbar sind — Grundlagen dazu in Lektion 2.1.
Der Preis dafür ist ehrlich zu benennen. Jeder Export ist eine Übersetzung, und Übersetzungen verlieren etwas. Parametrik geht verloren, manche Beziehungen werden vereinfacht. Dazu kommt, dass Werkzeuge unterschiedlich gut exportieren — zwei Programme können dieselbe Version unterstützen und trotzdem verschiedene Ergebnisse liefern.
Und: Offener Austausch verlangt Prüfung. Wer exportiert, ohne die Lieferung auf die vereinbarten Anforderungen zu prüfen, hat den Aufwand ohne den Nutzen.
4. Die Wahrheit dazwischen: die meisten Projekte sind gemischt
Die Gegenüberstellung Closed gegen Open legt eine Entscheidung nahe, die in der Praxis selten so getroffen wird. Realistischer ist ein Spektrum.
Der häufigste Fall in strukturierten Projekten sieht so aus: Innerhalb einer Disziplin wird nativ gearbeitet, mit allen Vorteilen der eigenen Umgebung. An den Schnittstellen zwischen Disziplinen wird offen ausgetauscht. Zur Übergabe an Bauherr und Betrieb wird offen geliefert.
Diese Mischform ist kein fauler Kompromiss. Sie folgt einer klaren Logik: nativ dort, wo Tiefe zählt, offen dort, wo Unabhängigkeit zählt.
Wer das als Strategie ausspricht, statt es unausgesprochen so zu handhaben, gewinnt zweierlei. Erstens wird klar, an welchen Stellen ein Export nötig ist und in welcher Qualität. Zweitens lässt sich der Aufwand dafür einplanen, statt ihn als Störung zu erleben.
5. Woran man die Wahl festmacht
Fünf Faktoren, die in der Praxis den Ausschlag geben.
Beteiligtenkreis. Zwei Fachplaner aus demselben Haus sind etwas anderes als sechs Büros aus vier Firmen. Je heterogener, desto klarer spricht es für offenen Austausch.
Projektdauer. Je länger, desto wahrscheinlicher wechselt jemand, ändert sich eine Software-Lizenz oder kommt eine neue Anforderung dazu.
Betriebshorizont. Ein Bauwerk mit vierzig Jahren Nutzung braucht eine Übergabe, die den Softwarezyklus überdauert.
Vertragliche und rechtliche Lage. Öffentliche Vergabe, Ausschreibungspflichten, Vorgaben des Bauherrn — hier ist die Wahl oft schon getroffen.
Reife der Beteiligten. Ein Team, das offenen Austausch zum ersten Mal fährt, braucht Einarbeitung. Das ist kein Gegenargument, aber ein Planungsposten.
Keiner dieser Faktoren entscheidet allein. Zusammen ergeben sie meistens ein deutliches Bild.
6. Beispiel: Zwei Projekte, zwei Antworten
Ein Werkstattgebäude, zwei Fachplaner, beide im selben Büro, neun Monate Bauzeit. Der Bauherr betreibt selbst und arbeitet ohne digitales Facility Management. Hier ist Closed BIM die pragmatische Wahl. Ein IFC-Export zur Dokumentation der Übergabe genügt — mehr wäre Aufwand ohne Empfänger.
Ein Bildungsbau, fünf Büros aus drei Firmen, drei Jahre Planung und Bau, Betrieb durch die öffentliche Hand über Jahrzehnte. Hier führt an offenem Austausch nichts vorbei. Nicht aus Prinzip, sondern weil vier der fünf Faktoren aus Kapitel 5 in dieselbe Richtung zeigen.
Der Unterschied zwischen beiden Projekten liegt nicht in der Einstellung der Beteiligten. Er liegt in nachprüfbaren Rahmenbedingungen. Genau deshalb lässt sich die Entscheidung begründen — und muss nicht ausdiskutiert werden.
7. Typische Fehler
- Die Wahl zur Glaubensfrage machen. Beide Strategien haben Stärken. Wer eine davon grundsätzlich ablehnt, argumentiert nicht projektbezogen.
- Closed BIM wählen, ohne den Betrieb zu bedenken. Die Übergabe kommt in jedem Projekt. Wenn dafür kein Weg vorgesehen ist, entsteht am Ende ein Migrationsprojekt.
- openBIM fordern, ohne den Exportaufwand einzuplanen. Ein Export braucht Zeit, eine Prüfung braucht mehr. Wer das nicht einplant, bekommt Exporte in schlechter Qualität.
- Die Mischform stillschweigend fahren. Fast alle Projekte arbeiten gemischt. Wer es ausspricht und regelt, plant. Wer es nicht tut, improvisiert.
- Von der eigenen Werkzeugkette auf alle schliessen. Wie gut ein Export gelingt, hängt am Werkzeug. Die Erfahrung mit einem Programm sagt wenig über die anderen im Team.
- Die Entscheidung spät treffen. Sie gehört in die Strategiephase. Nachträglich auf offenen Austausch umzustellen, kostet ein Vielfaches.
8. Mini-Checkliste
Vor der Festlegung der Austauschstrategie prüfe:
- Wie viele Firmen und wie viele verschiedene Autorenwerkzeuge sind beteiligt?
- Wie lange läuft das Projekt, und wie wahrscheinlich sind Wechsel im Team?
- Wie lange wird das Bauwerk betrieben, und in welchem System?
- Gibt es vergaberechtliche oder vertragliche Vorgaben zum Format?
- Wenn gemischt gearbeitet wird: ist ausgesprochen, an welchen Schnittstellen offen ausgetauscht wird?
- Ist der Aufwand für Export und Prüfung im Zeitplan enthalten?
Sind drei oder mehr Punkte offen, ist die Strategie noch nicht entschieden — sie ergibt sich dann im Projektverlauf von selbst, und meistens ungünstig.
9. Reflexionsfrage
Denk an dein letztes Projekt. War die Austauschstrategie eine bewusste Entscheidung, oder hat sie sich aus den Werkzeugen der Beteiligten ergeben?
Falls Letzteres: Welcher der fünf Faktoren aus Kapitel 5 wäre im Rückblick der wichtigste gewesen — und hätte er die Entscheidung verändert?
Merksätze
Closed BIM und openBIM sind zwei Strategien mit unterschiedlichen Stärken, keine Frage von fortschrittlich und rückständig.
Die meisten Projekte arbeiten in Wahrheit gemischt: nativ dort, wo Tiefe zählt, offen dort, wo Unabhängigkeit zählt. Diese Mischform sollte man aussprechen statt sie stillschweigend zu fahren.
Beteiligtenkreis, Projektdauer, Betriebshorizont, vertragliche Lage und Reife des Teams entscheiden — nicht die Haltung zur Frage.
Quellen und weiterführende Literatur
- buildingSMART International — Was ist openBIM: buildingsmart.org/openbim
- buildingSMART — Industry Foundation Classes (IFC): technical.buildingsmart.org/standards/ifc
- UK BIM Framework — ISO 19650 und Informationsmanagement: ukbimframework.org
- BIM Deutschland — BIM-Wissen und Begriffsklärung: bimdeutschland.de/bim-wissen